
Premortem
Das Premortem, entwickelt von Psychologe Gary Klein und bekannt gemacht durch Daniel Kahneman in 'Schnelles Denken, langsames Denken', ist eine strukturierte Methode, um Risiken eines Scheiterns zu identifizieren, bevor ein Projekt oder eine Entscheidung beginnt – und nicht erst danach. Es nutzt das Konzept der vorausschauenden Rückschau: Die Teilnehmenden sollen sich vorstellen, dass das Projekt bereits spektakulär gescheitert ist, und rückblickend analysieren, warum. Dieser mentale Zeitsprung ist effektiv, weil er den Optimismus-Bias und Gruppendenken umgeht, die normalerweise die Diskussion über Risiken in der Planungsphase unterdrücken. Wenn man fragt 'Was könnte schiefgehen?', erhält man oft höfliche, vage Antworten. Wenn man jedoch fragt 'Das Projekt ist gescheitert – was ist passiert?', nutzen die Teilnehmenden einen völlig anderen kognitiven Modus und liefern spezifische, umsetzbare Diagnosen des Scheiterns. Kleins Forschung zeigte, dass vorausschauende Rückschau die Fähigkeit, korrekte Gründe für zukünftige Ergebnisse zu identifizieren, um 30% erhöht. Die Methode ist schnell, energetisierend und erfordert keine speziellen Materialien. Sie funktioniert gleichermaßen gut für Produkteinführungen, strategische Entscheidungen, Go/No-Go-Entscheidungen und organisatorische Veränderungen. Anders als ein Risikoregister erzeugt sie lebendige Erzählungen, die im Gedächtnis bleiben – was es wahrscheinlicher macht, dass Teams präventive Maßnahmen ergreifen.
Moderationsablauf
- 1
Präsentiere den Plan in maximal fünf Minuten — Umfang, Zeitplan, Erfolgskriterien — und prüfe das gemeinsame Verständnis. Verteidige den Plan nicht; die Gruppe wird ihn gleich zerlegen, und genau das ist der Sinn.
5 Min. - 2
Gib den Zeitsprung-Impuls: 'Es ist 18 Monate später. Das Projekt ist gescheitert — nicht unterdurchschnittlich gelaufen, sondern komplett gescheitert. Stellt euch das vor.' Bitte dann alle, still spezifische Gründe für das Scheitern aufzuschreiben, einen pro Klebezettel, und heiße unwahrscheinliche oder 'paranoide' Ursachen ausdrücklich willkommen.
8 Min. - 3
Sammle die Gründe im Round-Robin, einen pro Person und Durchgang, und hänge jeden ohne Diskussion oder Widerspruch ans Board. Gehe weiter reihum, bis die Gründe versiegen — der zweite und dritte Durchgang enthalten oft das ehrlichste Material.
10 Min. - 4
Gruppiere ähnliche Scheitermodi und lass die Gruppe über die Scheiterursachen abstimmen, die sie für am wahrscheinlichsten und am schädlichsten hält. Kreise die fünf bis sieben wichtigsten ein.
8 Min. - 5
Stelle für jedes Top-Risiko drei Fragen in dieser Reihenfolge: Können wir es verhindern? Können wir es früh erkennen? Können wir den Schaden begrenzen, wenn es eintritt? Dränge auf konkrete Gegenmaßnahmen — eine benannte Änderung am Plan, nicht der Vorsatz, 'vorsichtig zu sein'.
12 Min. - 6
Schließe ab, indem du jeder Gegenmaßnahme eine:n Verantwortliche:n und einen Meilenstein zuweist, und vereinbare, wo das Premortem-Ergebnis abgelegt wird, damit es über die Laufzeit des Projekts sichtbar bleibt.
5 Min.
Tipps
Die Aufgabe der Facilitator:in ist es, psychologische Sicherheit zu schaffen – normalisiere ausdrücklich 'paranoide' oder 'unwahrscheinliche' Scheitermodi.
Einige der wertvollsten Erkenntnisse kommen von Personen, die sich privat Sorgen gemacht haben, diese aber nie geäußert haben.
Halte das Premortem-Ergebnis während des gesamten Projekts sichtbar, nicht nur beim Start.
Führe am Ende eine Nachbesprechung im Vergleich zu den Premortem-Vorhersagen durch, um die Fähigkeiten zur Risikoerkennung in der Zukunft zu schärfen.
Typische Stolperfallen
Den Impuls zu 'Was könnte schiefgehen?' abschwächen — die Methode lebt davon, das Scheitern als vollendete Tatsache zu formulieren, was eine ganz andere Spezifität freisetzt als höfliche Risikospekulation
Den Projektsponsor Scheitergründe widerlegen lassen, während sie geteilt werden — das erstickt genau die Offenheit, für die die Übung existiert
Das stille individuelle Schreiben überspringen und direkt in die offene Diskussion gehen — laute Stimmen setzen den Rahmen, und die leiseren, unbequemeren Risiken kommen nie ans Licht
Mit einer priorisierten Risikoliste enden, aber ohne Verantwortliche oder Planänderungen; ein Premortem ohne Gegenmaßnahmen ist nur organisierter Pessimismus
Variationen
Führe eine 'Pre-Erfolg'-Variante parallel zum Premortem durch: Stelle dir vor, das Projekt war erfolgreicher als erwartet – was hat dazu geführt? Diese ausgewogene Sichtweise reduziert übermäßige Negativität. Kombiniere es mit Szenarioplanung: Führe ein Premortem für jedes der vier Szenario-Quadranten durch. Führe parallel eine 'Pre-Parade' durch: 'Stell dir vor, das Projekt war über alle Erwartungen erfolgreich. Was hat dazu geführt?' Das gibt dir sowohl die Risiken als auch die Erfolgsbedingungen.
Einsatzbereiche
Wann einsetzen
Ein Projekt-Kickoff, bei dem der Plan auf dem Papier solide aussieht und noch niemand ernsthafte Bedenken geäußert hat
Eine Go/No-Go- oder Investitionsentscheidung, bei der du vermutest, dass Optimismus-Bias oder Sunk-Cost-Dynamik ehrliche Risikodiskussionen unterdrückt
Ein Team mit stilleren Mitgliedern, die insgeheim Zweifel hegen, die sie in Planungsmeetings nicht geäußert haben
Die Wochen vor einem Launch, einer Migration oder einer organisatorischen Veränderung, solange noch Zeit ist, Gegenmaßnahmen in den Plan einzubauen
Wann nicht einsetzen
Das Projekt steckt bereits in Schwierigkeiten — führe eine After-Action-Review oder eine strukturierte Problemlösungs-Session zu dem durch, was tatsächlich passiert, statt hypothetisches Scheitern zu imaginieren
Der Plan ist noch nicht konkret; ein Premortem braucht einen spezifischen Plan als Angriffsfläche, sonst produziert es generische Sorgen, mit denen niemand arbeiten kann
Die Entscheidung ist unumkehrbar und keine Änderungen an Umfang, Budget oder Zeitplan sind möglich — Risiken aufzudecken, auf die niemand reagieren kann, erzeugt Zynismus
Du brauchst ein quantifiziertes Risikoregister für Compliance oder Governance; ein Premortem macht Risiken lebendig sichtbar, bewertet aber weder Wahrscheinlichkeit noch Kosten — speise seine Ergebnisse in eine formale Risikoanalyse ein, statt sie zu ersetzen
Ähnliche Methoden
Weiterführende Artikel
Häufig gestellte Fragen
Wie lange dauert ein Premortem?▾
Zwischen 30 und 60 Minuten insgesamt. Eine Gruppe von sechs bis zehn Personen braucht typischerweise etwa 45 Minuten: ein kurzes Plan-Briefing, stilles Schreiben, Round-Robin-Sammlung, Priorisierung und Planung der Gegenmaßnahmen. Größere Gruppen brauchen mehr Zeit für den Round-Robin.
Wie viele Teilnehmende sollte ein Premortem haben?▾
Es funktioniert mit 3 bis 20 Teilnehmenden; fünf bis zehn sind komfortabel. Beziehe die Personen ein, die die Arbeit tatsächlich machen werden, nicht nur die Planenden — Umsetzende kennen meist Scheitermodi, die die Autor:innen des Plans nicht sehen können.
Wann im Projekt sollte man ein Premortem durchführen?▾
Nachdem der Plan konkret ist, aber bevor das Team sich voll festgelegt hat — typischerweise beim Kickoff oder kurz vor einer Go/No-Go-Entscheidung. Viele Teams wiederholen ein kurzes Premortem an wichtigen Phasenübergängen und vergleichen die ursprünglichen Vorhersagen im abschließenden Postmortem.
Was ist der Unterschied zwischen einem Premortem und einer Risikoanalyse?▾
Eine Risikoanalyse listet und bewertet Risiken analytisch; ein Premortem bittet das Team, sich das Scheitern als bereits geschehen vorzustellen und zu diagnostizieren — das umgeht den Optimismus-Bias und erzeugt spezifischere, einprägsamere Scheitergeschichten. Beide ergänzen sich: Nutze das Premortem, um Risiken aufzudecken, und dann ein Register, um sie zu verfolgen und zu quantifizieren.
Kann man ein Premortem remote durchführen?▾
Ja, und es funktioniert gut. Nutze ein geteiltes Board mit privatem oder verdecktem Notiz-Modus für das stille Schreiben, damit sich niemand an den Antworten anderer orientiert, decke dann alle Zettel gleichzeitig auf und führe den Round-Robin mündlich durch. Priorisiere die wichtigsten Scheitermodi per digitalem Dot-Voting.
Plane deinen nächsten Workshop mit KI
Workshop Weaver kombiniert Methoden wie Premortem zu einer vollständigen, zeitlich geplanten Agenda. In Minuten.
Kostenlos testenMethod descriptions on Workshop Weaver are original content written by our team, based on established facilitation practices. This method was inspired by work from Gary Klein, 'Performing a Project Premortem', Harvard Business Review (2007).